18 Nov

Die Bank von Moria

“Good morning my friend.” My friend, das sind die ersten Wörter, die man auf Englisch lernt, wenn man in Moria lebt. So wie Mina, die Afghanin, die jeden Morgen an meinem Bankschalter steht. Also, Bankschalter ist übertrieben. Es ist ein halb kaputter Laptop aus dem Jahr 2001 und eine Metallkiste mit Spielgeld-Drachmen drin. Bloß, dass das Spielgeld tatsächlich etwas wert ist: Ein Tschai eine Drachme, ein Pulli zwei Drachmen. Mina bekommt zwei Drachmen von mir, wie jeden Tag, so lange sie ein Flüchtling in dem Lager auf Lesbos ist, dessen Name so klingt wie das böse Reich eines Tolkien-Romans: Moria. So ähnlich stelle ich es mir dort auch vor, nur ohne das rote Auge und die Orks. Dafür mit willkürlichen Militärs. “I’m sorry, I don’t have my Ausweis with me”, sagt Mina – Ausweis, das erste Wort, das man auf Deutsch lernt, wenn man ihn braucht, um Drachmen zu bekommen. “Ach, Mina, no Ausweis, no Drachma”, sage ich scherzhaft. Nach zwei Wochen kenne ich sie inzwischen, sie weiß ihre Ausweisnummer auswendig, ich habe ihn schon zehn Mal gesehen. Sie grinst und fragt mich, wo ich eigentlich herkomme. Aus Deutschland? “Ah, Angela Merkel, she’s very good.” Angela Merkel, die erste europäische Politikerin, die man kennt, wenn man auf Asyl hofft. Ich habe es aufgegeben zu erklären, dass sie eigentlich eher konservativ ist und eine Obergrenze einführt, die sie nicht so nennt, und dass eine linke Regierung vielleicht mehr täte. Es glaubt mir eh keiner.
Heute ist mein letzter Tag hier. “One Happy Family” heißt das allein auf Privatspenden basierende Community Center, das den Flüchtlingen von Moria ein bisschen Menschenwürde zurückgibt. “One Tired Family”, sagt Shaheer, einer der Freiwilligen aus den Reihen der Flüchtlinge, er ist 21 und wartet seit einem Jahr auf den blauen Stempel, um die Insel verlassen zu dürfen. “Ey Malaka, machst du noch die Bank?”, ruft er mir zu, als ich Mina ihre Drachmen gegeben habe. Malaka, das erste griechische Wort das man lernt, wenn man in einem militärgeführten Lager lebt. Wer es bei One Happy Family sagt, meint das Gegenteil.
“Nee, ich bin fertig”, antworte ich und schließe die Bank, also den Laptop, dessen System ohnehin schon seit fünf Minuten geschlossen hat. Oder seit 2001, genaugenommen. “Gut”, antwortet Shaheer und hilft mir, die Bank ins Büro zu tragen. “Dann kannst du mir ja jetzt mal das mit der AfD erklären. Warum mögen die uns nicht?” “Puuh”, stoße ich ratlos aus und überlege, ob es eine Antwort gibt. Also eine, die ich ihm geben kann. Oder überhaupt irgendeine sinnvolle. “Weil sie dich noch nicht kennen, Shaheer”, antworte ich schließlich. Er lacht sein halbironisches Lachen, er ist klug und weiß, dass es keine guten Antworten gibt. Es ist mein letzter Tag und ruhig heute, wir haben Zeit für Unterhaltungen und Tschai und ein bisschen Hoffnung.
“Pass auf dich auf, Malaka”, sagt er zum Abschied, obwohl er das nötiger hat als ich. Am Ende des Tages werde ich in einer luxuriös ausgestatteten Fähre nach Athen sitzen, und er wird zurück in das 20-Quadratmeter-Appartment gehen, wo er mit vier Freunden auf dem Boden schläft, weil das besser ist als Moria. “Du auch, Malaka”, antworte ich. Aber eigentlich meine ich: “Wir sehen uns in Deutschland, Habibi.” Habibi, das erste Wort auf Arabisch, das man lernt, wenn man Teil der Familie wird.

Artikel von Jesko, er war im Herbst 2017 Volontär im OHF.

Publiziert im Blitz-Stadtmagazin: https://blitz-world.de/halle/hal-kol.htm

Mehr Blogeinträge von Jesko über Europa, Lesbos und das OHF unter http://blog.derjesko.de oder auf Facebook unter https://www.facebook.com/derjesko

14 Jul

Happy people do good things

„Happy people do good things“ – as simple as it is, das habe ich im OHF gelernt. Und es ist herausfordernd, glückliche Momente zu verschaffen angesichts der Art und Weise, wie Menschen auf der Flucht an den europäischen Außengrenzen behandelt werden, als Aushängeschild der Abschottungspolitik. Deportationen, unwürdige Bedingungen in den Camps, die Perspektivlosigkeit – all diese von der EU konstruierten Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind der Belastung allein durch die Erinnerungen an Krieg und Gewalt nicht gerade zuträglich. Während des Wartens und Ausharren-müssens in diesem Chaos ist ein Ort der Zuflucht umso bedeutender, ein Ort des Miteinanders, zum Freunde treffen und kennenlernen, Lachen und Abschalten.

Und das OHF zeigt, wie es geht: Gelebte Vielfalt, Solidarität und Toleranz, nicht für sondern MITeinander – diese Lebensweise scheint in unserer Wohlstandsgesellschaft vielen noch ein Fremdwort zu sein. Im OHF existiert so ein Miteinander, auf Augenhöhe, menschliche Werte stehen im Mittelpunkt und die Menschen haben in dem ganzen einen Raum, um sich auszudrücken und ihre Potenziale und Ressourcen zu entfalten – soweit das unter diesen Lebensbedingungen eben möglich ist. You rock!

Johanna

14 Jul

Es läuft – aber nicht ohne unsere Helfer

Eindrücke nach 9 Wochen als Volunteer Koordinatorin

Von meinem ersten Aufenthalt im Frühjahr 2016 wusste ich wie intensiv schon ein kurzer Einsatz vor Ort sein konnte. Anderes Land, viele neue Menschen aus verschiedensten Kulturen, mit anderen Mentalitäten, schwierigen und traurigen Vergangenheiten und Geschichten.

Auch diesmal stellten sich einige der Freiwilligen ähnliche Fragen wie ich mir:

Ungewissheit was mich erwarten würde, erster Kontakt mit den Flüchtenden- wie soll ich mich verhalten? Was darf ich fragen über ihre Vergangenheit? Was denken sie über mich- wo ich doch aus einem reichen, sicheren Land komme?

Dazu kamen die Sprachbarriere und gewisse Vorurteile, teils aus den Medien, teils vom zuhause.

Jeder Volunteer hatte seine schlechten Momente, wo das Ausmass der Situation sowie die Hilflosigkeit nicht genug für die Menschen vor Ort tun zu können, zum Ausdruck kam.

Im Volunteer – Haus wurden jeweils beim Abendessen die Eindrücke und die Ereignisse besprochen. So konnte wenigstens ein Bruchtteil des Erlebten verarbeitet werden.

Doch die viel grössere Hilfe, um mit der Situation umzugehen, kam meiner Ansicht nach während der Arbeit im OneHappyFamily. Unsere “Helpers” wie wir sie nennen – Menschen die seit Monaten jeden Tag ins Center kommen um uns beim Aufbau und Betrieb tatkräftig mithelfen- unterstützten die Volunteers bei den zu erledigenden Arbeiten aber auch seelisch.

Kam ich beispielsweise mit der Situation von Ort nicht klar, wurde dies von einigen der Helpers sofort bemerkt. Trotz Probleme mit der Sprache wurde kein Versuch ausgelassen mich aufzuheitern. Diese Momente brachten  die bewunderswerte Stärke der Menschen aus den Camps zum Vorschein. Es war schön zu sehen, dass auch andere Volunteers solche Erfahrungen machen durften- was jeden bestärkte wieder mehr zurück zu geben.

Mich erstaunte immer wieder die grosse Neugier und Freude an neuen Freiwilligen seitens der “Helpers”, aber noch mehr wie herzlich und intensiv die Abschiede schon nach kurzen Begegnungen waren.

Ich kann wohl behaupten, dass jeder Volunteer mit vielen gemischten Gefühlen abgereist ist: traurig, weil es Zeit war sich von wunderbaren Menschen zuverabschieden und man sie auf der Insel zurücklies, glücklich weil man daran beteiligt war den Menschen während ihrem Besuch im OHF ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, bereichert durch die tollen Erinnerungen und Begegnungen mit starken und beeindruckenden Persönlichkeiten. Es ist toll zu wissen, dass die Arbeit im OHF spuren hinterlassen, Mauern abgebaut und die Sichtweise verändert hat- bei Volunteers aus der ganzen Welt wie auch bei den Helpers und Besuchern des Centers.

Nun wo auch ich wieder zuhause angekommen bin, kann ich sagen, dass man viel lernen kann von der offenen, hilfsbereiten Art der Flüchtenden sowie dem ungeheuren Durchhaltevermögen, Monate unter prekären Umständen zu meistern.

Der Einsatz vor Ort war trotz oder vielleicht wegen allen Höhen und Tiefen eine grosse Bereicherung.

Tamara

05 Jul

Shuttle, Bücher, Pflanzen, Shuttle

Der Tagesablauf ist einfach. Um 8 Uhr klingelt der Wecker, um 9 Uhr wird der Kaffee ins Community Center geliefert. „One happy family“ oder kurz OHF wird der Ort genannt, wo wir arbeiten, leben, uns die Nasen an der Sonne zu verbrennen. Weil wir das grösste Auto haben, haben wir die Ehre jeden morgen ca. um 10 zum Camp Moria zu fahren um die Arbeiter zum OHF zu bringen. Eine fröhliche Truppe von ca. 15 Männer von Nepal, Syrien, Algerien, Marokko, Afghanistan, Kongo stehen dann vor den Toren des Camps. Hinter ihnen zwei massive Zäune mit Stacheldraht und patrouillierende Millitärtypen mit dicken Sonnenbrillen. Rauchend, quasseln, manchmal ganz still begrüssen sie mich in diversen Sprachen und steigen in den Bus. 10 Minuten später schwärmen sie zum Tisch mit Toast und Käse und fahren dort weiter, wo sie am Tag zuvor aufgehört haben. Die Nepalesen bauen Tische, Bänke, Zäune, alles was aus Holz ist in grossen Massen. Das Kino ist schon fertig. Im Café mit kunstvoll verzierter Bar fehlen nur noch die Tische. Die Bibliothek ist fertig, nur noch ein paar Kisten arabische Bücher werden morgen eingeordnet. Die pinke Schule ist schon einiges weiter als zuvor, es fehlen Pflanzen, eine Wand zwischen den zwei Klassenzimmern und das Inventar. Ein Gärtner kam vor 2 Tagen mit einer riesen Ladung Pflanzen, die sich rund um das Gebäude ziehen werden. Ausserdem gibt es einen Indoor-garden der einem kleinen Urwald gleichen wird. Alles in Allem gibt es noch sehr vieles zu tun, die wichtigsten Teile sind aber fertig, sodass wir schon bald mit allen anstossen können.

Es ist eine wundervolle Arbeit und wenn die Arbeiter um 18 Uhr nur sehr zögerlich ins Auto zurück nach Moria einsteigen, wissen wir, dass wir etwas erreicht haben. Nämlich eine Atmosphäre der Menschlichkeit, Freude, Gemeinschaft, Frieden. „They treat us as humans here, not like animals like in the camp where we sleep“ Wir hören schlimme Geschichten, sehen verzweifelte Gesichter und versuchen so gut es geht zuzuhören und zu verstehen welche Zukunft diese Menschen erwartet. Obwohl wir bis jetzt noch keine unserer geplanten Aktivitäten durchgeführt haben sind wir sehr zufrieden, dass wir konstant etwas zutun haben und auch selber Initiative ergreifen können. Auch die Arbeiter verstehen langsam das Konzept. Zwei Künstler entwickelten Konzepte um die Wände und die Bibliothek zu bemalen, ein anderer verzierte die Mäuerchen im Garten mit viel Liebe und ein Dritter baute uns einfach mal schnell eine Treppe für die Bibliothek während sein Kollege, der Elektriker, Licht installierte. Manchmal wissen wir gar nicht mehr was helfen. Aber genau das ist das Ziel dieses Orts. OHF gehört den Leuten in den Camps, sie können ihn gestalten, sie werden ihn betreiben, sie werden sich gut fühlen auf ihre Art und wir werden nur assistieren, die Sicherheit gewährleisten und sie vielleicht ab und zu auf neue Ideen bringen.

Abends sind wir sehr müde, auch ein Grund wieso dieser Eintrag hier schon zu Ende ist. Aber Bilder sagen ja bekanntlich mehr als Worte.

Ursprünglich veröffentlich von FLO hilft am 29. März 2017